Markus Rühl, einer der beliebtesten und definitiv einer der freakigsten Bodybuilder des vergangenen Jahrzehnts, erklärt nach dem für ihn äußerst enttäuschenden Abschneiden beim Mr Olympia seinen Rücktritt vom aktiven Wettkampfsport:

Hallo liebe Bodybuilding-Freunde,

Ihr habt richtig gelesen. Es geht weiter – jedoch nicht mehr aktiv auf der Wettkampfbühne.

Vermutlich habt ihr ja längst mitbekommen, wie der Olympia für mich gelaufen ist.

Ich bin natürlich riesig enttäuscht und weiss auch nicht, warum ich derart schlecht platziert worden bin.

Zugegeben, dies war nicht meine Bestform. Aber wenigstens ein Platz in der Top 15 würde ich als angemessen betrachten.

Aber ich will mich an dieser Stelle nicht länger beschweren, sondern direkt zum eigentlichen Kern meiner Verkündung kommen.

Ich werde mich mit sofortiger Wirkung vom aktiven Body-Building-Sport verabschieden.

Diese Entscheidung habe ich bereits nach der Arnold Classics getroffen.

Die schlechte Olympia-Platzierung hat daher nichts mit meiner Entscheidung zu tun, jedoch bestärkt Sie mich in meinen Gedanken.

Ich möchte natürlich auch zu einer offenen und ehrlichen Begründung kommen, denn es soll nicht so aussehen, als ob dies eine beleidigte Trotzraktion ist. Nein, es ist eine wohldurchdachte Entscheidung.

Ihr kennt mich alle als hart arbeitenden Profi-Athleten, der im Training immer mehr als 100% Leistung gegeben hat. Nur so konnte ich mich überhaupt über 10 Jahre an der absoluten Weltspitze des Profisports etablieren.

Nur durch schwerste Trainingseinheiten konnte ich über Jahre die Muskelmasse und das Volumen aufbauen, für welches ich weltweit Fans und Bodybuilding-Freunde für mich gewinnen konnte. Ich habe das niemals bereut, ich hatte immer meinen Spaß und ich danke meiner treuen Fangemeinschaft dafür.

Dieser unbedingte Wille, immer alles zu geben und immer am Limit zu trainieren, ist mir vor ca. 2 Jahren (oder länger*?!) zum Verhängnis geworden.

Es entstand ein Anriß des rechten Brustmuskels, welcher unglücklicherweise nicht durch eine Operation zu beheben ist.

*Ich weiß bis heute nicht, wann dies geschehen ist, da dies kein klassischer Abriß war, sondern ein Anriß, welcher völlig schwerzfrei und ohne Blessuren von statten ging. Während der Off-Season und bei aufgepumpten Muskel war dies nie zu sehen. Umso verwunderter war ich dann, als die Wettkampf-Diät diesen Makel zum Vorschein brachte.

Wenn ihr Bilder der letzten 2 Jahre verfolgt, werdet ihr den schleichenden Prozess verfolgen können, wie sich der Anriß immer mehr vergrößerte.

Ich habe dennoch weitergemacht, weil es nicht meine Art ist aufzugeben und da das Brusttraining unverändert kraftvoll, intensiv und schmerzfrei vollzogen werden konnte.

So habe ich 2006 nochmals ein tolles Jahr hingelegt, darauf bin ich im Nachhinein sehr stolz, da es mir trotz dieses Handicaps nochmals gelang, ganz vorne auf der Profibühne mitzukämpfen.

Bei der Arnold Classics haben mich allerdings die Kampfrichter erstmals für diesen Makel abgestrafft, indem sie mich ungewohnt schlecht platzierten (zugegeben, ich war damals wirklich nicht sonderlich gut in Form).

Aber nach jenem Wettkampf stand auch mein Entschluss fest, dass der Olympia 2007 mein letzter sein würde. Aber da ich nicht mit der schlechten Platzierung der Arnold Classics aufhören wollte, legte ich meine ganze Kraft nochmals in die Vorbereitung zum Mr. Olympia-Wettkampf. Allerding zog sich meine Brust immer weiter weg und sie verlor zusehens an Volumen.

Da ich im Grunde noch nie von amerikanschen Kampfrichtern eine Platzierung geschenkt gekommen hatte, sondern mir jeden meiner Plätze immer hart erkämpfen mußte und oftmals sogar weit unter meiner eigentlichen Leistung platziert wurde, war es mir nun klar, dass der Makel mit der Brust zu meinem Verhängnis werden würde.

Und so geschah es dann, dass ich in diesem Jahr beim Olympia zum ersten mal außerhalb der Top 15 platziert wurde.

Das ist natürlich eine emotional sehr schmerzhafte Erfahrung, zumal ich nicht denke, dass eine so negative Platzierung gerechtfertigt war.

Aber ganz unabhängig von meinem Brust-Handycap betrachte ich die aktuelle Entwicklung im Profi-Bodybuilding als weiteren Grund, mich aus dem aktiven Sport zurückzuziehen:

Auf der Wettkampf-Bühne scheint inzwischen zunehmend mehr Muskelhärte als Muskelmasse gefragt zu sein.

Als ich in das Profilager eingestiegen bin, sagte man mir im jungen Alter von 25 Jahren, dass mein Wettkampfgewicht von 118 kg bei 177cm noch zu leicht wäre, um mit den übrigen Größen des Sports ernsthaft konkurrieren zu können.

Glücklicherweise stellte es sich als eines meiner Talente heraus, meine Muskelmasse in den folgenden Jahren um weitere 15 kg zu steigern, was mich nicht nur zu einem der massivsten Bodybuilder aller Zeiten machte, sondern mir auch den Ruf, die Gunst und die Treue meiner Fangemeinschaft einbrachte.

Inzwischen bestehen die meisten Profi-Line-Ups (und so auch der aktuelle Olympia-Wettkampf) größtenteils aus leichteren Athleten, bei welchen mehr auf die Muskelhärte als auf die Muskelmasse Wert gelegt wird.

Bodybuilding bedeutet für mich immer Kraft, Masse und enorme Proportionen, welche fernab von den Leistungen und Ausmaßen eines Amateurathleten liegen.

Jetzt, wo diese Elemente scheinbar nicht mehr in diesem Ausmaß auf den Profi-Bühnen erwünscht zu sein scheinen, kommen mir die Meisterschaften mehr wie Dehydrier-Wettkämpfe statt klassischem Bodybuilding vor.

Dies ist eine Sparte, die ich unabhängig von meinem Brust-Handycap weder bedienen kann noch möchte.

Die Ära der massiven Athleten scheint allmählich zuende zugehen. Nach dem gleichzeitigen Rücktritt von Ronnie Coleman (und mir) bleibt lediglich nur noch Jay Cutler als Athlet in der Kategorie „über 125 kg“ übrig. Das Bodybuilding scheint demnach nun endgültig vor dem seit längerem angekündigten Umbruch zu stehen.

Ich bin nun seit 1997 im Profigeschäft, habe weit über 30 Profi-Wettkämpfe bestritten. Dabei habe ich immer tolle Leistungen gebracht. Ich war neun mal in Folge für den Olympia qualifiziert, habe zwei Profi-Wettkämpfe gewonnen und viermal zweite Plätze belegt. Am stolzesten bin ich jedoch, dass ich mit meiner Art die Herzen und Zusprüche meiner Fans gewinnen konnte.

So danke ich allen meinen Fans, die mich über all die vielen Jahre begleitet haben und immer zu mir standen. Auch wenn einmal ein Wettkampf daneben ging, haben mich meine Fans und Freunde immer mit aufmunternden Worten unterstützt.

Dafür möchte ich Euch von ganzem Herzen danken.

Auch wenn ich nun kein aktiver Wettkampf-Athlet mehr bin, werde ich mich dennoch keinesfalls vom Bodybuilding verabschieden. Ich werde weiterhin für den Sport da sein, ich werde weiterhin präsent sein und ich werde auch weiterhin Euer „Massemonster“ bleiben.

Ich werde zukünftig sogar noch mehr Zeit und Gelegenheiten haben, mich auf Euch, meine Fans und Freunde, einzustellen und Eure E-Mails, Fragen und Vorschläge zu beantworten und kommentieren. Hierzu werde ich die von mir sträflich vernachlässigte „Fragen & Antworten“-Rubrik auf meiner Website wieder reaktivieren.

So möchte ich Euch weiterhin bei Eurem Weg mit meinem Wissen und Tipps zur Seite stehen. Und ich werde mich natürlich auch sehr freuen, Euch weiterhin bei Meisterschaften, Messen oder anderen Anlässen zu begegnen. Ihr wißt, dass ich immer für einen Spaß zu haben bin. icon wink Markus Rühl erklärt Rücktritt vom Wettkampfsport

Danke für die wundervollen Jahre*

Euer Markus

(*ich gehe Euch nicht verloren)

Quelle: Markus Rühl-Homepage

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